Altersvorsorge im Überblick: Von der gesetzlichen Rente bis zum ETF-Sparplan
Die demografische Herausforderung und die Rentenlücke
Die anhaltend niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung fordern vom staatlichen Rentensystem einen finanziellen Tribut. In Deutschland finanziert sich die gesetzliche Rente über das Umlageverfahren durch laufende Einzahlungen der Arbeitnehmer. Künftig stehen jedoch immer mehr Rentenbezieher immer weniger Beitragszahlern gegenüber. Laut Statistischem Bundesamt wird die Zahl der Personen ab 67 Jahren bis 2035 um 22 Prozent steigen, während die Arbeitsbevölkerung schrumpft.
Das Resultat ist eine wachsende Versorgungslücke oder Rentenlücke – die Differenz zwischen dem letzten Nettogehalt und der späteren Rente. Laut Analysen reicht die gesetzliche Rente künftig nur für etwa 47 Prozent des letzten Bruttoeinkommens, während mindestens 60 Prozent für den gewohnten Lebensstandard nötig wären. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich an, was eine immer längere Rentenphase bedeutet, die finanziert werden muss.
Auch in der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. Das Raiffeisen Vorsorgebarometer 2025 zeigt, dass besonders junge Menschen skeptisch gegenüber der staatlichen Altersvorsorge (AHV) sind. 41 Prozent der 18- bis 30-Jährigen beurteilen die Zukunft der ersten Säule skeptisch.
Das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge
Um die Rentenlücke zu schließen, setzen sowohl Deutschland als auch die Schweiz auf ein Drei-Säulen-Modell. Dieses bietet verschiedene Vorsorgeebenen, die individuell kombiniert werden können.
Deutschland: Gesetzliche, betriebliche und private Vorsorge
Die erste Säule bildet die gesetzliche Rentenversicherung. Sie bleibt das staatlich garantierte Fundament und die wichtigste Einnahmequelle im Alter für Millionen Versicherte. Die Deutsche Rentenversicherung betreut rund 57 Millionen Versicherte und fast 26 Millionen Rentner. Zusätzlich gewährt sie medizinische Leistungen zur Rehabilitation nach dem Grundsatz „Reha vor Rente“.
Die zweite Säule ist die betriebliche Altersversorgung (bAV). Arbeitnehmer haben darauf grundsätzlich einen gesetzlichen Anspruch. Der Arbeitgeber organisiert die Vorsorge, wählt die Anlageform und kümmert sich um die Beitragszahlung, oft mit finanzieller Beteiligung oder voller Finanzierung durch den Arbeitgeber. Beiträge können bis zu bestimmten Höchstgrenzen unversteuert und sozialabgabenfrei direkt aus dem Bruttogehalt erfolgen.
Die dritte Säule umfasst die private Altersvorsorge. Hierzu zählen private Rentenversicherungen, Immobilien, Aktien, Fonds und ETFs. Besondere Bedeutung haben hier die staatlich geförderten Produkte Riester-Rente und Rürup-Rente (Basisrente).
Schweiz: AHV, Pensionskasse und Säule 3a
In der Schweiz bildet die AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung) die erste Säule. Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge (Pensionskasse/BVG). Die dritte Säule gliedert sich in die gebundene Vorsorge Säule 3a und die freie Vorsorge (Säule 3b).
Die Säule 3a ist eine freiwillige gebundene Vorsorge, deren Mittel bis fünf Jahre vor dem ordentlichen AHV-Referenzalter gesperrt sind. Einzahlungen können vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden. Fast 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzen ein Säule-3a-Konto, wobei rund 60 Prozent die Steuerersparnis als Hauptmotiv nennen.
Staatlich geförderte private Vorsorge
Riester-Rente und Rürup-Rente in Deutschland
Die Riester-Rente eignet sich besonders für Familien und Geringverdiener. Sie bietet direkte Zulagen vom Staat sowie Steuervorteile. Gefördert werden Beiträge bis zu einem jährlichen Eigenbeitrag von 1.800 Euro. Allerdings hat die Riester-Rente an Attraktivität verloren, da viele Verträge auf sicheren Wertpapieren basieren, die niedrige oder negative Renditen aufweisen. Kritiker bemängeln hohe Kosten und mangelnde Flexibilität. 2027 soll ein neues gefördertes Rentenprodukt die Riester-Rente ersetzen; bestehende Verträge behalten jedoch ihre staatlichen Zulagen.
Die Rürup-Rente (Basisrente) funktioniert nach dem Kapitaldeckungsprinzip und bietet vor allem für Selbstständige und Gutverdiener steuerliche Vorteile. Die Beiträge können bei der Steuer abgesetzt werden, die Auszahlungen unterliegen der nachgelagerten Besteuerung. Das Kapital ist während der Laufzeit nicht verfügbar und das Kapitalwahlrecht entfällt.
Säule 3a in der Schweiz: Steuervorteile und Strategien
Die Einzahlungen in die Säule 3a sind steuerlich begünstigt. Bei Arbeitnehmenden mit Pensionskasse beträgt der maximale jährliche Abzugsbetrag CHF 7'258 (Wert 2025). Ohne Pensionskasse sind es 20 Prozent des Erwerbseinkommens, maximal CHF 36'288. Diese Beträge können vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden, was je nach Einkommen und Wohnort eine Steuerersparnis von 25 bis 40 Prozent bedeutet.
Ab 2026 sind nachträgliche Einzahlungen für Lückenjahre ab 2025 möglich. Ein wichtiger strategischer Aspekt ist die Eröffnung mehrerer Säule-3a-Konten. Ab einem Sparbetrag von rund 50'000 Franken empfiehlt sich dies, da bei der Auszahlung ab dem 60. Geburtstag jeweils das gesamte Konto versteuert werden muss. Mit mehreren Konten lässt sich die Auszahlung staffeln und die Steuerprogression reduzieren.
Das Kapital aus der Säule 3a kann zudem für die Finanzierung von selbstgenutztem Wohneigentum eingesetzt werden und gilt dabei als harte Eigenmittel. Wer über das AHV-Alter hinaus arbeitet, kann den Bezug bis zum 70. Geburtstag aufschieben.
Anlagestrategien: ETFs, Fonds und der Kapitalmarkt
Neben klassischen Versicherungslösungen gewinnen börsengehandelte Produkte an Bedeutung. Exchange Traded Funds (ETFs) bilden Börsenindizes ab, wie den MSCI World, der Aktien von über 1.600 Unternehmen aus entwickelten Ländern enthält. ETFs bieten breite Diversifikation über Branchen und Grenzen hinweg und sind mit durchschnittlich 0,3 Prozent jährliche Kosten deutlich günstiger als aktiv gemanagte Fonds (ca. 1,3 Prozent).
Aktiv gemanagte Fonds hingegen versuchen durch gezielte Auswahl, die Benchmark zu übertreffen. Sie können in schlechten Marktphasen Risiken verringern, während ETFs an ihre Indizes gebunden sind.
Durch Sparpläne können bereits kleine monatliche Beträge (ab 25 Euro oder Franken) investiert werden. Der Cost-Average-Effekt sorgt dafür, dass bei fallenden Kursen mehr und bei steigenden Kursen weniger Anteile gekauft werden, was den Durchschnittspreis langfristig senkt. Kombiniert mit dem Zinseszinseffekt, bei dem Zinsen auf Zinsen erwirtschaftet werden, können aus kleinen Sparbeträgen stattliche Summen werden. Berechnungen zufolge können bei einer durchschnittlichen Rendite von 7,4 Prozent über 30 Jahre aus monatlich 50 Euro fast 59.000 Euro werden.
Auch Immobilien können Teil der Altersvorsorge sein, dienen jedoch bei Selbstnutzung primär der Mietersparnis. Als Sachwert sind sie inflationssicher, erfordern aber hohe Kapitaleinsätze und laufende Instandhaltungskosten.
Steuerliche Fallstricke und wichtige Regelungen
Bei der Altersvorsorgeplanung sind steuerliche Details zu beachten. In Deutschland werden Riester- und Rürup-Beiträge in der Ansparphase gefördert, die Renten später jedoch voll oder teilweise versteuert. Bei privaten Rentenversicherungen gilt die Ertragsanteilsbesteuerung, die deutlich günstiger ist.
In der Schweiz werden Kapitalleistungen aus der Pensionskasse und der Säule 3a zum privilegierten Vorsorgetarif besteuert, separat vom ordentlichen Einkommen. Die Sätze liegen meist zwischen 5 und 10 Prozent. Wichtig ist die dreijährige Sperrfrist bei Einkäufen in die Pensionskasse: Wer innerhalb von drei Jahren nach einem Einkauf Kapital bezieht, verliert den Steuerabzug für den Einkauf. Auch gilt: Bei der Gründung einer Kapitalgesellschaft (GmbH/AG) ist kein Kapitalbezug aus der Pensionskasse zur Selbstständigkeitseröffnung möglich, wohl aber bei einer Einzelfirma.
Praxisnahe Tipps für verschiedene Lebenslagen
Frauen und Altersvorsorge
Frauen erhalten in Deutschland durchschnittlich 37 Prozent weniger Rente als Männer, oft bedingt durch Teilzeitarbeit und Familienunterbrechungen. Aufgrund der höheren Lebenserwartung ist private Vorsorge besonders wichtig. Es gibt kein „falsches Alter“, um mit dem Anlegen zu beginnen – selbst bei Renteneintritt verbleibt ein langfristiger Anlagehorizont.
Junge Sparer und Berufseinsteiger
Je früher die Altersvorsorge beginnt, desto stärker wirkt sich der Zinseszinseffekt aus. Junge Sparer sollten fondsgebundene Lösungen nutzen, um Kursschwankungen aussitzen zu können. In der Schweiz sollten Berufseinsteiger früh mit der Säule 3a beginnen und auf wertschriftengestützte Lösungen setzen, statt das Geld auf Sparkonten liegen zu lassen, wo es durch Inflation an Wert verliert.
Selbstständige
Für Selbstständige in Deutschland ist die Rürup-Rente oft die beste Wahl, da sie eine steuerlich geförderte Altersvorsorge ermöglicht. In der Schweiz können Selbstständige ohne Pensionskasse höhere Beträge in die Säule 3a einzahlen (bis CHF 36'288).
Eine regelmäßige Überprüfung der Vorsorgestrategie ist essenziell, um die Rentenlücke rechtzeitig zu schließen und den gewohnten Lebensstandard im Alter zu sichern.